Komponieren für Final Fantasy XV: Die Geschichte hinter der Musik

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Komponieren für Final Fantasy XV: Die Geschichte hinter der Musik

Die angesehene Komponistin Yoko Shimomura spricht über den kreativen Prozess bei ihrem bisher größten Projekt


Clara Hertzog, SIEE:

Für langjährige Fans der Franchise ist es etwas ganz Besonderes, den neuesten Soundtrack zu Final Fantasy zum ersten Mal zu hören, ob nun im Spiel oder – wie es vor wenigen Wochen der Fall gewesen ist – bei einer Live-Performance.

Das London Philharmonic Orchestra hatte sich in den berühmten Abbey Road Studios in London eingefunden, um sowohl vor Live-Publikum als auch weltweit per Livestream ausgewählte Titel des bevorstehenden Final Fantasy XV zu spielen, und bot dabei einen spannenden Vorgeschmack auf einen kleinen Teil der Musik, die die Spieler bei ihren Abenteuern mit Noctis und seinen Freunden genießen dürfen.

Ebenfalls anwesend war die Komponistin des Spiels, Yoko Shimomura. Sie ist ein Neuling in der Final Fantasy-Reihe, wenn auch nicht in der Welt der Videospielmusik, und wird schon seit vielen Jahren für ihre zahlreichen Kompositionen umfangreicher Partituren für denkwürdige Spiele verehrt. Im Lauf von mittlerweile zwei Jahrzehnten hat sie die Musik zu Spielen wie Street Fighter II geschrieben – Musik, die beinahe augenblicklich Kultcharakter erreichte – und Fans lieben sie für ihre Kompositionen zu den Reihen Legend of Mana und Kingdom Hearts.

Wenige Stunden vor dem Konzert hatten wir Gelegenheit, uns mit Shimomura zusammenzusetzen und über ihre Herangehensweise bei der Komposition für die legendäre Serie sowie über ihre persönlichen Lieblingsmomente aus der Franchise zu sprechen.

FFXV Composer Interview

Mit so vielen Kulttiteln haben Sie einen beeindruckenden musikalischen Lebenslauf. Aber dies ist Ihr erstes Final Fantasy. Was ist das für ein Gefühl, an ein so riesiges Franchiseprodukt heranzutreten? Spüren Sie einen gewissen Druck, in die Fußstapfen anderer FF-Komponisten zu treten?

Yoko Shimomura: Das Interessante an XV ist, dass es sich in vielerlei Hinsicht so anfühlt, als hätte man mich gebeten, an zwei Projekten zu arbeiten! Zu der Zeit hieß das Spiel noch Final Fantasy Versus XIII und war kein Teil der Hauptserie. Ich war von Beginn an in das Projekt involviert, und da es kein nummerierter Final Fantasy-Titel war, hatte ich das Gefühl, die Sache ein bisschen freier angehen zu können.

Hätte die Entwicklung unter dem Titel XV begonnen, hätte ich wahrscheinlich von Anfang an viel mehr Druck verspürt. Doch als dieser Wechsel erfolgte, hatte ich bereits eine ganze Weile lang an dem Projekt gearbeitet, eine Reihe von Songs geschrieben und eine klare Vorstellung vom Konzept und der Richtung, in die ich mit der Musik gehen wollte. So fiel es mir wesentlich leichter, genau so weiterzumachen.

Die Entwicklung des Spiels dauerte zehn Jahre – wann in diesen zehn Jahren haben Sie mit dem Komponieren der Musik begonnen? Hat sich die Musik während dieser Zeitspanne weiterentwickelt oder verändert?

Meinen ersten Song für das gesamte Projekt habe ich tatsächlich gleich zu Beginn geschrieben, vor zehn Jahren! Das war der Titel Somnus und er ist auch heute noch im Spiel zu hören. Ich finde, die Ausrichtung der Musik ist seit Beginn des Projekts ziemlich gleich geblieben. Es gab eine Menge neuer, spezieller Stücke, die wir hinzugefügt haben, als das Spiel zu XV wurde, weil eben auch das Spiel neue Elemente erhielt – Elemente, für die wir passende Musik brauchten.

Final Fantasy XV wird als viel düsterer und realistischer als die vorherigen Titel der Final Fantasy-Reihe beschrieben. Es gibt die Themen der Bruderschaft, Verbundenheit und des emotionalen Realismus. Wie überträgt sich das auf den Soundtrack?

Der Kernpunkt ist, wie sich Realismus durch Musik ausdrücken lässt. Ich persönlich bin mit klassischer Musik groß geworden, darum ist sie für mich sehr unmittelbar und sehr real, aber ich weiß, dass dies ganz individuell ist und immer auf die Art von Musik ankommt, die jemand gewohnt ist. Es ist sehr schwierig, das genau festzumachen.

Der andere Punkt am Realismus ist, dass es sich um ein abstraktes Konzept handelt. Musik selbst ist auch abstrakt; sie ist nicht so greifbar wie andere Formen der Kunst. Etwas Abstraktes durch ein abstraktes Medium darzustellen … tja, das ist eine Herausforderung!

Ich hatte das Gefühl, diese Herausforderung besser meistern zu können, indem ich mir die Welt von Final Fantasy XV ansah. So erschuf ich das, was meinem Gefühl nach am besten zu den einzelnen Aspekten passte. So stellt sich auch die Verbundenheit der Kameraden in XV dar: durch Musik, die meinem Empfinden nach diese Thematik zum Ausdruck bringt.

Für die Schlachten stellte ich mir Kampfmusik mit unterschiedlichen Versionen entsprechend der jeweiligen Szenarien vor. Ich habe versucht, zu jedem einzelnen Aspekt die passende Musik zu finden, statt die größeren, abstrakten Konzepte vor Augen zu haben.

FFXV Composer Interview

Final Fantasy XV besitzt ein für die Serie innovatives Gameplay. Neu sind der Tag-Nacht-Zyklus sowie der Schwerpunkt auf Echtzeit-Action und Waffenwechsel während des Kampfes. Berücksichtigen Sie diese Gameplay-Aspekte beim Komponieren der Musik oder ist Ihr Ansatz eher klassisch?

Es gibt natürlich eine Reihe von Möglichkeiten, wie wir die Musik ins Gameplay einbinden, sowie bestimmte Bedingungen, denen die Wechsel in der Musik unterliegen. Zum Beispiel der Tag-Nacht-Zyklus. Hier haben wir Musikwechsel für den frühen Morgen, den Tag, den Mittag, die Abende und die Nächte.

Auch in den Kämpfen gibt es bestimmte Auslöser, die einen Musikwechsel bewirken. Wenn man einem Gegner den entscheidenden letzten Schlag versetzt, endet die Musik passend und stoppt an der richtigen Stelle. Es gibt viele solcher kleinen Punkte, an denen das Gameplay den Wechsel der Musik beeinflusst.

Final Fantasy XV ist ein gewaltiges, medienübergreifendes Projekt und Sie komponieren die Musik sowohl für Kingsglaive als auch für XV. Gibt es Unterschiede in Ihrer Herangehensweise, wenn Sie für das Spiel bzw. für den Film komponieren?

Ich habe an einigen Songs für den Film Kingsglaive gearbeitet, aber nicht den gesamten Soundtrack selbst komponiert. Man bat mich um eine Reihe von Titeln, was sich in dieser Hinsicht nicht sehr von meiner üblichen Herangehensweise beim Komponieren für Spiele unterschied. Hätte man mich gleich zu Beginn gebeten, den kompletten Soundtrack zum Film zu schreiben, wäre ich vieles anders angegangen.

Haben Sie einen Lieblingsteil bei Final Fantasy?

*lachend* Diese Frage ist wirklich schwer zu beantworten! Ich glaube, die Titel, die ich am häufigsten gespielt habe, waren II und V. Ich mochte gerade diese beiden so sehr wegen der Art, wie sich das Gameplay und die verschiedenen Mechaniken ergänzten.

Und Ihr liebster Final Fantasy-Song von einem anderen Komponisten?

Auch hier kann ich unmöglich nur einen nennen! Mir gefallen so viele Stücke aus Final Fantasy. Natürlich gibt es da die, die in der gesamten Serie vorkommen – den Auftakt und die Titelmusik von Final Fantasy. Ich habe sie für XV verwendet und leicht neu arrangiert, aber ganz ehrlich, wann immer ich sie höre, denke ich: Das sind wirklich unglaublich schöne Songs. Sie treiben mir jedes Mal Tränen in die Augen.